Georg Kolbe (1877–1947) war der erfolgreichste deutsche Bildhauer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Skulpturen und Zeichnungen befinden sich weltweit (insbesondere in Deutschland und den USA) in vielen wichtigen Kunstsammlungen, Museen und auf öffentlichen Plätzen. Einen guten Überblick über Georg Kolbes Schaffen erhalten Sie über unsere digitale Sammlung Kolbe online. Hier finden Sie über 4.000 Skulpturen und Zeichnungen mit Fotografien und Texten.

Tänzerin 1911/12 – Nationalgalerie, Berlin

Die Tänzerin war zu ihrer Entstehungszeit das bekannteste Werk des Bildhauers. Sie wurde mit ihrer schlanken Gestalt und der üppigen Kurzhaarfrisur als Verkörperung eines modernen Zeitgeistes verstanden und erfuhr große öffentliche Aufmerksamkeit.
Nach ihrer Ausstellung in der Berliner Secession 1912 kaufte die Berliner Nationalgalerie unter ihrem Leiter Ludwig Justi die Bronze mit der Bedingung, dass sie ein Unikat bleiben müsse. Die Tänzerin, die dauerhaft in der Nationalgalerie ausgestellt war, löste seinerzeit beherzte Schwärmereien aus, noch heute befindet sich einschlägige „Fanpost“ in der Sammlung des Museums. Offenbar verkörperte das junge, selbstversunken tanzende Mädchen das Bild eines freien Menschen, der sich selbstbewusst aus den Fesseln verkrusteter Ordnung und überkommener Formen heraustanzt.
Selbstbewusst tanzt sie sich
aus den Fesseln der wilhelminischen
Kunstauffassung
Der Künstler verstand sich als einen „sehr begeisterten Anhänger der Tanzkunst, des tanzenden Körpers“ und Tänzer*innen waren oft Modelle für seine Zeichnungen und Skulpturen (Vaslav Nijinsky, Ted Shawn, Charlotte Bara, Tamara Platonowna Karsawina). Der Star des russischen Balletts, Vaslav Nijinsky, war Vorbild für eine der schönsten Männerfiguren Kolbes. Auch andere Bildhauer wie Auguste Rodin, Aristide Maillol oder Ernesto de Fiori waren fasziniert von diesem eindrucksvollen Tänzer und schufen Arbeiten nach ihm. Auch die Figur des Tänzerinnen-Brunnens von 1922, der seit 1979 in Kolbes Garten steht, greift das Motiv des Tanzes auf und knüpft an Kolbes berühmte Tänzerin an. Den Brunnen hatte Kolbe für Heinrich Stahl geschaffen, den späteren Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Berlin.
Morgen 1925 – Ceciliengärten Berlin, Barcelona-Pavillon

Berühmt ist die Figur Morgen (auch Morning oder Alba genannt) durch ihre Aufstellung in Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon anlässlich der Weltausstellung von 1929.
Ursprünglich wurde die Figur 1925 für den Rasenplatz der Ceciliengärten in Berlin-Schöneberg konzipiert, wo sie heute noch steht und gegenüber einer zweiten weiblichen Aktfigur (Abend) platziert ist. Die beiden Skulpturen deuten mit tänzerischen Gesten das Auf- und Niedersinken an. Eine dritte Figur, die Nacht von 1926, steht im architektonisch eindrucksvoll angelegten zentralen Lichthof des RBB-Gebäudes in der Masurenallee, dem Haus des Rundfunks von Hans Poelzig. Der Morgen im Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe ist die heute wohl prominenteste und meistfotografierte Skulptur Kolbes, die nach dem Wiederaufbau des Barcelona-Pavillons (1984–86) ihren Weg (als Replik, das Gips-Original wurde 1929 beim Rücktransport von Barcelona nach Berlin zerstört) zurück in das Wasserbassin fand. Die Beziehung von Mensch und Architektur in der Moderne war ein wichtiges Lebensthema Kolbes.
Rathenau-Brunnen 1930 – Volkspark Rehberge

Georg Kolbe konzipierte den 1930 entstandenen Rathenau-Brunnen für den Volkspark Rehberge überraschenderweise in abstrakter Form. Das Denkmal erinnert an den Gründer der AEG, Emil Rathenau, sowie seinen Sohn Walther Rathenau, der 1922 als deutscher Außenminister von Antisemiten ermordet wurde.
Kurz nach der Fertigstellung wurde das Denkmal mit großen Lettern „Der Judenrepublik gewidmet“ beschmiert und erlangte dadurch traurige Berühmtheit. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der große Brunnen demontiert und 1940 für den Nachguss des Schiller-Denkmals von Reinhold Begas (Schillerpark/Wedding) eingeschmolzen. Eine Replik des Brunnens steht heute wieder im Volkspark Rehberge.
Ruhender Athlet 1935 – Olympiagelände Berlin

Seit 1933 wurden nach Plänen des Architekten Werner March die Sportanlagen für die Olympischen Spiele von 1936 errichtet. Ab Herbst 1934 gab es Überlegungen zur künstlerischen Ausschmückung des Geländes. Georg Kolbes Entwurf eines ruhenden Athleten wurde im Kunstausschuss für die Ausgestaltung des ‚Reichssportfelds‘ wegen der zu ‚lockeren‘ Haltung des übergeschlagenen Beins kritisiert. Da der Künstler keine Änderung vornahm, gab es in der Folgezeit Kontroversen um die große Statue.
Kolbe schrieb dazu: „Sie ist gut gelungen, sie sieht nach etwas aus, sie ist gewiß kein Dreck. Aber: sie ist garnicht das, was man da draußen will. Gewiss sie ist als Placement auch abseits stehend – ganz und garnicht als Werbung für die große Stadionsache gedacht.“ Die Großbronze wurde schließlich wie geplant aufgestellt. Georg Kolbe wahrte während der Diktatur Distanz zu den politischen Machthabern, dennoch entsprach das von ihm insbesondere in seinen späten Skulpturen übermittelte Körperbild durchaus einem Ideal der Nationalsozialisten.
Alle Fotografien sind aus dem Bildarchiv des Georg Kolbe Museums, Beckmann, Schnorr v. Carolsfeld, Hilbich.